Tablet mit Online-Slot auf Display, daneben ein Richterhammer und der Text "Über 90% der Online-Casino-Werbung in Deutschland ist illegal"

Studie: Zu über 90% ist die Werbung für Online-Casinos und Glückspiel-Angebote illegal

Bevor wir uns im Einzelnen den überraschenden Ergebnissen der Studie widmen, möchten wir zunächst einen Blick darauf werfen, wann ein Online-Casino eigentlich als “legal” einzustufen ist. Hierzu haben wir einen wahren Experten auf diesem Gebiet im Detail befragt:

Rechtsanwalt Roman Herpich

Rechtsanwalt Roman Herpich, Associate bei MELCHERS Rechtsanwälte

Die Gaming & Betting Law Practice Group der Wirtschaftskanzlei MELCHERS verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Glücksspielrecht und berät nationale und internationale Mandanten in diesem stets im Wandel befindlichen Wirtschaftszweig.

Grundsätzlich liegt ein legales, virtuelles Automatenspiel oder Online-Poker Angebot vor, wenn der jeweilige Anbieter von Online-Poker oder virtueller Automatenspiele gemäß § 4 Abs. 1 S. 1 GlüStV 2021 über eine entsprechende Erlaubnis des Landesverwaltungsamtes Sachsen-Anhalt verfügt.

Eine Übersicht zu erlaubten Anbietern, die sogenannte „White List“, findet sich derzeit unter https://lvwa.sachsen-anhalt.de/das-lvwa/kommunales-ordnung-verbraucherschutz-migration/gluecksspielrechtliche-uebergangsaufgaben-nach-27p-gluestv-2021/white-list/. Diese Übersicht wird regelmäßig – gemäß § 9 Abs. 8 GlüStV 2021 mindestens einmal im Monat – vom Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt aktualisiert und um neue Erlaubnisinhaber ergänzt.

In diesem Zusammenhang ist insbesondere hervorzuheben, dass gemäß § 5 Abs. 1 Satz 1 GlüStV nur Anbieter, die eine solche Erlaubnis des Landesverwaltungsamtes Sachsen-Anhalt erhalten haben und folglich auf der White-List genannt werden, ihr virtuelles Automatenspiel- oder Online Poker-Angebot bewerben dürfen. Ohne Erlaubnis darf keine Werbung für diese Angebote erfolgen. Zu berücksichtigen ist, dass das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt seine Zuständigkeit am 1.1.2023 an die neue Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder verliert. Die „White List“ wird dann von dieser Behörde fortgeführt werden.

Neben den zuvor genannten erlaubten Anbietern, die deutschlandweit für ihr Glücksspielangebot werben dürfen, ist es gemäß § 29 Abs. 7 GlüStV auch Anbietern, die am 30.06.2021 noch über eine wirksame Erlaubnis des Innenministeriums des Landes Schleswig-Holstein verfügt haben, erlaubt, Werbung für diese Angebote in Schleswig-Holstein zu betreiben. Die Erlaubnisse aus Schleswig-Holstein gelten übergangsweise weiter, allerdings maximal bis zum 31.12.2024 und nur, wenn die jeweiligen Anbieter bis spätestens 1.7.2022 einen Erlaubnisantrag beim Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt gestellt haben. Die Erlaubnisse gelten außerdem nur für das Glücksspielangebot und die Werbung in Schleswig-Holstein

Eine Übersicht zu den in Schleswig-Holstein erlaubten Anbietern findet sich unter https://www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/G/gluecksspiel/genehmigungsinhaber.html.

Nur die zuvor genannten Anbieter dürfen also Werbung in Deutschland oder zumindest in Schleswig-Holstein durchführen. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass sich derzeit noch zahlreiche, aktive Anbieter in den Erlaubnisverfahren beim Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt befinden. Bei diesen Anbietern von Online-Poker oder virtueller Automatenspiele handelt es sich nicht per se um illegale Anbieter. Denn wenn sie vor dem 1.07.2021 auf dem deutschen Markt tätig waren und sie unter dem Glücksspielstaatsvertrag 2021, der am 1.7.2021 in Kraft getreten ist, einen Antrag auf Erteilung einer Erlaubnis zur Veranstaltung von Online-Poker oder virtueller Automatenspiele gestellt haben, werden sie gegenwärtig unter der Voraussetzung toleriert, dass sie die Regelungen des sogenannten Übergangsregimes einhalten. 

Dieses Regime erlaubt Ihnen also die Fortführung ihres Glücksspielangebots. Gemäß § 5 Abs. 1 Satz 1 GlüStV ist es den tolerierten Anbietern jedoch nicht gestattet, ihr auf den deutschen Markt ausgerichtetes, virtuelles Automatenspiel- oder Online-Poker-Angebot vor Erlaubniserteilung durch das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt (bzw. ab dem 1.1.2023 durch die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder) zu bewerben.

Im Ergebnis bleibt damit festzuhalten, dass aktuell lediglich Anbieter von Online-Poker oder virtueller Automatenspiele, die über eine Erlaubnis des Landesverwaltungsamtes Sachsen-Anhalt verfügen, sowie Anbieter, die am 30.6.2021 über eine wirksame Erlaubnis in Schleswig-Holstein verfügten und bis zum 1.7.2022 einen Antrag beim Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt gestellt haben, derzeit für ihr Angebot in Deutschland bzw. Schleswig-Holstein werben dürfen.

Die erstaunlichen Ergebnisse der Studie

Trotz neuer Rechtslage überwiegt illegale Werbung für nicht lizenzierte Casinos im deutschen Markt. Unsere Analyse unterschiedlicher Werbeangebote zeigt, dass illegale Werbung mit über 90% dominiert. Online-Glücksspiel war lange eine Grauzone in Deutschland und die Lage unübersichtlich. 

Das sollte sich ab Juli 2021 mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag ändern. Dieser Vertrag hat das Ziel, das Glücksspiel sicherer zu machen. Durch regelmäßige Maßnahmen und Kontrollen sollen Spieler*innen geschützt und Betrug, Manipulation, Spielsucht und Kriminalität eingedämmt werden. 

Online-Casinos können sich für eine offizielle Lizenz bewerben, die derzeit vom Landesverwaltungsamt Sachsen ausgestellt wird. Casinos, die eine Lizenz erhalten haben, dürfen offiziell Online-Glücksspiel im Internet anbieten und unter strengen Auflagen auch dafür werben. Im Umkehrschluss heißt das auch, dass Anbieter, die nicht lizenziert sind, nicht für ihre Angebote werben dürfen.

Was in der Theorie gut klingt, zeigt sich in der Praxis jedoch bisher als kaum durchsetzbar, wie unsere Analyse zeigt. Denn für Spieler*innen ist es sehr schwierig, legale von illegalen Angeboten zu unterscheiden. Illegale Werbung für nicht lizenzierte Casinos überwiegt bei Weitem und macht die Lage für Spieler*innen undurchsichtig. Die meisten Spieler*innen informieren sich im Internet mithilfe der Google Suche oder werden über Videoplattformen wie YouTube oder Twitch geworben. Die legal lizenzierten Casinos haben es schwer, sich am Markt durchzusetzen und so für Spieler*innen sichtbar zu werden. 

Der neue Staatsvertrag verbietet die umsatzbasierte Vergütung für Werbung und macht es so für Werbetreibende weniger attraktiv, legale Angebote zu bewerben. Die staatlichen Kontrollen haben bisher wenig Möglichkeiten, ihr Werbeverbot durchzusetzen und so bleibt der Markt weiterhin undurchsichtig für Spieler*innen.

Um zu verstehen, wie sich legale und illegale Werbung verteilen, haben wir unterschiedliche Plattformen und Angebote analysiert. Das Ergebnis: Über 90% der Werbung, die für Casinos angezeigt wird, ist illegal und darf in Deutschland nicht angezeigt werden. Die folgenden Grafiken veranschaulichen die Ergebnisse und zeigen die Verteilung legaler und illegaler Werbung für die untersuchten Seiten.

Geringe Anzahl von Casinos, die legal in Deutschland werben dürfen

Für die Analyse haben wir Werbung auf Google und Twitch analysiert. Dazu wurden die Lizenzen von über 100 Casinos untersucht, die über deutschsprachige Webseiten und Kanäle beworben werden. Unser Ergebnis zeigt, dass nur etwa acht Prozent der beworbenen Casinos über eine Lizenz verfügen, die ihnen das Werben in Deutschland erlaubt. Die restlichen 92% der beworbenen Casinos dürfen ihr Angebot in Deutschland nicht bewerben.

Anteil der Casinos, die für ihr Angebot in Deutschland werben dürfen
Untersuchung Google Ergebnisse

Grafik 1: Anteil der Casinos, die für ihr Angebot werben dürfen, n=119; Quelle: eigene Untersuchung (Oktober, 2022)

Illegale Werbung dominiert den Markt

Die meisten Online-Casino Anbieter werben nicht direkt für ihr Angebot, sondern nutzen Affiliate Webseiten, die auf ihr Angebot verlinken. Diese Seiten werben meist nicht nur für ein Casino, sondern für mehrere Casinos auf einer Seite. Hier zeigt sich die Dominanz illegaler Werbeangebote noch deutlicher: Nur ungefähr zwei Prozent der Werbung verlinkt Casinos, die beworben werden dürfen – 98% der Werbung verlinkt Casinos, die in Deutschland nicht beworben werden dürfen

Interessanterweise verstärkt sich dieser Effekt noch, wenn nur die bezahlten Suchergebnisse betrachtet werden. Das heißt nur die Suchergebnisse, bei denen Webseiten-Betreiber dafür zahlen, dass ihre Seite für bestimmte Suchbegriffe angezeigt wird. Auf diesen Webseiten verlinkt weniger als ein Prozent der Werbung Casinos, die beworben werden dürfen.

Verteilung der Werbung Google Ergebnisse gesamt und bezahlte Suchergebnisse
Untersuchung Google Ergebnisse

Grafik 2: Verteilung der Werbung für gesamte (n= 3.485) und bezahlte Suchergebnisse (n =354) Quelle: eigene Untersuchung (Oktober, 2022)

Auch bei Gambling Influencern dominiert illegale Werbung

Spieler*innen informieren sich jedoch nicht nur über die Google Suche, sondern auch über Videoplattformen wie Twitch oder YouTube. Hier verlinken Gambling Influencer über Links auf ihren Profilen oder Webseiten Online-Casinos über sogenannte Affiliate Links. Bei der Untersuchung der verlinkten Angebote zeigt sich ein ähnliches Bild: weniger als ein Prozent der verlinkten Angebote darf legal beworben werden – 99% der Werbung ist illegal nach deutschem Recht.

Hinweis zur Methodik

Um zu untersuchen, ob legale oder illegale Werbung dominiert, wurden unterschiedliche Plattformen und Angebote untersucht. 

Zum einen wurde die Werbung untersucht, die Spieler*innen bei der Google Suche angezeigt wird. Dazu wurden die organischen und bezahlten Suchergebnisse, die bei Google zu sechs Suchbegriffen für Online-Casinos erscheinen, analysiert. Es wurden die Suchbegriffe mit dem höchsten Suchvolumen gewählt, die die meisten (potenziellen) Spieler*innen nutzen, um sich über die Online-Angebote zu informieren. 

Die Seiten, die über die beschriebene Suche gefunden wurden, wurden dann auf die Anzahl legaler und illegaler Werbung hin analysiert. Dazu wurden die verlinkten Casinos hinsichtlich ihrer Lizenz und Werbeerlaubnis untersucht, um die Anzahl illegaler und legaler Werbung zu erfassen. Jede Webseite ist nur einmal in die Analyse eingegangen, auch wenn die Seite mehrfach unter verschiedenen Suchbegriffen angezeigt wurde. 

Zum anderen wurden deutsche Kanäle bei Twitch für den Bereich ‘Slots’ untersucht, um zu analysieren, wie häufig legale bzw. illegale Angebote von Influencern verlinkt werden.

Fazit – Die Sichtbarkeit legaler Angebote muss gestärkt werden

Unsere Analyse zeigt, dass der Markt auch weiterhin von illegalen Anbietern und ihren Werbeangeboten dominiert wird. Spieler*innen müssen aktiv suchen und über die rechtliche Lage informiert sein, um legale Angebote ausfindig zu machen. Die Sichtbarkeit legaler Angebote muss also deutlich gestärkt werden, um den illegalen Markt zu schwächen. Aktuell wird die Einhaltung des Werbeverbots kaum kontrolliert, obwohl die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag geschaffen wurden. 

Um das Online-Glücksspiel sicherer zu machen, muss für Spieler*innen transparent werden, welche Angebote legal sind. Dafür braucht es strengere Kontrollen und stärkere Sichtbarkeit legaler Angebote sowie leicht verständliche Informationen zur Rechtslage.

www.melchers-law.com

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